Warum die Generation Z den Handel nicht verändert, sondern Anforderungen sichtbar macht
Susanne DierlGeschätzte Lesedauer: 4 MinutenDie Generation Z umfasst grob die Jahrgänge von Ende der 1990er Jahre bis zu den frühen 2010er Jahren. Sie ist damit die erste Generation, die vollständig mit Internet, Smartphones und dauerhaft verfügbaren Informationen aufgewachsen ist. Entsprechend werden ihr häufig besondere Erwartungen an Konsum, Kommunikation und Marken zugeschrieben. Gleichzeitig lohnt sich ein genauerer Blick, da nicht alles, was als „typisch Gen Z“ gilt, tatsächlich neu oder dauerhaft relevant für den Handel ist.
Warum sich der Blick auf die Generation Z lohnt
Kaum eine Zielgruppe wird derzeit so intensiv diskutiert wie die Generation Z. Gleichzeitig ist kaum eine Zielgruppe so stark von Klischees geprägt. Zwischen Social-Media-Affinität, Nachhaltigkeitsanspruch und angeblich geringer Markenloyalität entsteht schnell ein Bild, das mehr über öffentliche Debatten aussagt als über tatsächliches Kaufverhalten.
Für Händler:innen stellt sich deshalb eine zentrale Frage: Welche Veränderungen sind wirklich strukturell relevant und welche sind lediglich kurzfristige Trends? Wer diese Unterscheidung nicht trifft, läuft Gefahr, Marketingmaßnahmen an Oberflächenphänomenen auszurichten statt an realen Erwartungen.
Generation oder Lebensphase?
Ein häufiger Fehler in vielen Diskussionen besteht darin, Generationseffekte mit Lebensphasen zu verwechseln. Junge Menschen hatten schon immer andere Prioritäten als ältere. Sie verfügen meist zunächst über geringere Einkommen, probieren mehr aus und reagieren sensibler auf Preise. Diese Muster sind nicht neu.
Neu ist vielmehr der Kontext, in dem Entscheidungen getroffen werden. Die Generation Z wächst in einer Welt auf, in der Informationen jederzeit verfügbar sind, Angebote unmittelbar vergleichbar werden und Kommunikation dauerhaft öffentlich stattfindet. Entscheidungen entstehen dadurch unter anderen Rahmenbedingungen als noch vor wenigen Jahren. Für Händler:innen bedeutet das nicht jedes beobachtete Verhalten generationsspezifisch ist. Entscheidend ist zu verstehen, welche Veränderungen dauerhaft wirken.
Weniger Hype, mehr Substanz
Viele Diskussionen über junge Zielgruppen konzentrieren sich stark auf Social-Media-Kanäle. Die Plattformen wechseln jedoch schnell und Strategien, die ausschließlich darauf aufbauen, verlieren ebenso schnell an Wirkung. Gleichzeitig zeigt sich, dass digitale Kontaktpunkte heute tatsächlich zum Standard gehören: Laut Bitkom nutzen bereits 48 Prozent der 16- bis 29-jährigen Internetnutzer:innen in Deutschland soziale Netzwerke auch zum Online-Einkauf. Das erhöht die Relevanz von Social Commerce, ersetzt aber keine belastbare Handelsstrategie.
Nachhaltiger ist ein Blick auf Entscheidungslogiken: Warum wird gekauft? Wann entsteht Vertrauen? Welche Rolle spielen Preis, Qualität und Orientierung? Die Generation Z reagiert häufig nicht grundsätzlich anders als andere Zielgruppen aber konsequenter. Unklare Nutzenversprechen, fehlende Transparenz oder austauschbare Sortimente werden schneller erkannt und seltener akzeptiert. Das verändert nicht die Regeln des Handels, es erhöht jedoch die Anforderungen an ihre Umsetzung.
Transparenz wird zum Mindeststandard
Informationen waren früher ein Wettbewerbsvorteil – heute sind sie selbstverständlich verfügbar. Innerhalb weniger Minuten vergleichen Kund:innen Preise, prüfen Herkunft und bewerten Angebote. Dass Orientierung dabei über digitale Kanäle gesucht wird, zeigt auch die Fraunhofer-Studie zu den Erwartungen der Generation Z an den Einzelhandel: 72 Prozent der Gen Z informieren sich über die Website eines Händlers, wichtige Rollen spielen zudem Onlineshops und Suchmaschinen.
Transparenz wird dadurch zu einer Grundvoraussetzung und ist somit kein Differenzierungsmerkmal mehr, sondern eine Erwartung.
Für Händler:innen bedeutet das beispielsweise:
- Preise müssen nachvollziehbar sein
- Sortimente sollten erklärbar aufgebaut sein
- Herkunft und Qualität müssen verständlich kommuniziert werden
Unternehmen, die diese Erwartungen erfüllen, schaffen Vertrauen. Unternehmen, die sie ignorieren, verlieren Relevanz.
Relevanz schlägt Reichweite
Ein weiterer verbreiteter Irrtum besteht darin, junge Zielgruppen vor allem über Aufmerksamkeit erreichen zu wollen. Reichweite allein führt jedoch selten zu langfristiger Wirkung.
Angebote müssen ein konkretes Problem lösen oder einen klaren Nutzen stiften. Besonders sichtbar wird das bei Sortimenten, denn eine große Auswahl wird häufig mit Attraktivität verwechselt. Tatsächlich kann zu viel Auswahl Unsicherheit erzeugen. Gleichzeitig zeigt der HDE-Standortmonitor 2023, dass stationäre Relevanz sehr konkret entsteht: 69 Prozent der 16- bis 29-Jährigen nennen Shopping und Erledigungen als Hauptmotiv für den Innenstadtbesuch, 59 Prozent Freund:innen treffen oder Abhängen. Der Laden konkurriert also nicht nur mit anderen Shops, sondern auch mit sozialen und freizeitbezogenen Erwartungen. Kuratiert aufgebaute Sortimente erleichtern Entscheidungen und stärken Vertrauen. Beratung wird dadurch wieder zu einem zentralen Bestandteil des Handels.
Nachhaltigkeit als Erwartung, nicht als Besonderheit
Nachhaltigkeit wird häufig als Alleinstellungsmerkmal kommuniziert. Für viele junge Kund:innen ist sie jedoch bereits eine Grundvoraussetzung. Gleichzeitig bleibt sie Teil eines größeren Entscheidungsbündels. Die Fraunhofer-Erhebung zeigt etwa, dass 89 Prozent der Gen Z Produkte vor dem Kauf sehen oder ausprobieren möchten und 74 Prozent die Möglichkeit schätzen, Produkte direkt mitzunehmen. Das spricht dafür, dass auch bei jungen Zielgruppen nicht Haltung allein entscheidet, sondern das Zusammenspiel aus Nutzen, Verfügbarkeit und Einkaufserlebnis.
Das bedeutet nicht, dass Nachhaltigkeit allein Kaufentscheidungen bestimmt. Preis, Qualität und Nutzen bleiben weiterhin entscheidend. Nachhaltigkeit wirkt vielmehr als Filter. Angebote, die grundlegende Erwartungen nicht erfüllen, werden schneller ausgeschlossen. Für Händler:innen entsteht daraus die Aufgabe, Nachhaltigkeit nicht nur kommunikativ zu platzieren, sondern operativ umzusetzen.
Stationärer Handel braucht neue Besuchsgründe
Auch der stationäre Handel verändert sich. Verkaufen allein reicht zunehmend nicht mehr aus, um Kund:innen dauerhaft zu binden. Der HDE-Standortmonitor unterstreicht, dass 66 Prozent der jungen Befragten am häufigsten gemeinsam mit Freund:innen in die Innenstadt gehen, 57 Prozent verbinden den Besuch mit Essen oder Trinken, 49 Prozent mit einem Einkaufsbummel ohne konkreten Kaufplan. Geschäfte behaupten sich damit vor allem dort, wo sie Teil eines relevanten Aufenthalts- und Orientierungserlebnisses werden.
Geschäfte werden stärker zu Orten der Orientierung, der Beratung und des Austauschs. Erlebnis entsteht dabei nicht durch Inszenierung um ihrer selbst willen, sondern durch nachvollziehbaren Nutzen. Wer es schafft, den Laden als sozialen Raum zu denken, stärkt langfristige Beziehungen zur Kundschaft.
Was Händler:innen jetzt konkret ableiten können
Aus den beschriebenen Entwicklungen lassen sich mehrere strategische Handlungsfelder ableiten:
- Zielgruppen klar definieren, statt möglichst viele gleichzeitig anzusprechen
- Sortimente reduzieren und verständlich strukturieren
- Nutzenversprechen konkret formulieren
- Transparenz systematisch ausbauen
- Nachhaltigkeit glaubwürdig umsetzen
Diese Maßnahmen sind nicht ausschließlich für die Generation Z relevant. Sie erhöhen insgesamt die Qualität von Handelskonzepten.
Fazit: Erfolgreich ist, wer Erwartungen versteht, nicht Generationen beschreibt
Die Generation Z verändert den Handel also nicht durch völlig neue Regeln. Sie macht jedoch bestehende Anforderungen sichtbarer. Unternehmen, die sich stärker an realen Erwartungen orientieren statt an kurzfristigen Trends, schaffen eine stabilere Grundlage für zukünftige Entscheidungen. Die aktuellen Befunde von HDE, Bitkom und Fraunhofer deuten in dieselbe Richtung: Die Generation Z verlangt keinen völlig neuen Handel, wohl aber mehr Transparenz, bessere digitale Anschlussfähigkeit und klarere Gründe, warum sich ein Besuch, ein Kauf oder eine Beziehung zu einer Marke lohnt.
Quellenhinweis
- https://bitkom-research.de/studien/digitaler-handel-verbraucher-2025
- https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/3-von-10-kaufen-ueber-soziale-Netzwerke
- https://einzelhandel.de/images/publikationen/HDE_StandortMonitor_2023.pdf
- https://einzelhandel.de/presse/pressearchiv/1435-pressemitteilungen-2023/14331-hde-standort-monitor-2023-16-bis-29-jaehrige-schaetzen-innenstaedte-mehr-sauberkeit-und-aufenthaltsqualitaet-gefordert
- https://publica-rest.fraunhofer.de/server/api/core/bitstreams/6e301bcb-d98f-4497-859e-4ac3f8962ffc/content
