Interview: Ja und, anstelle von ja, aber! Eine Innovationskultur etablieren.

Anja BorbergGeschätzte Lesedauer: 7 Minuten

In Zeiten von technologischen Entwicklungen und sich verändernder Kundenanforderungen ist die Anpassung des eigenen Geschäftsmodells, insbesondere für kleinere Unternehmen, eine organisatorische, wie auch persönliche Herausforderung. Mit einem agilen Mindset, also einer bestimmten Mentalität, gelingt es, eine digitale Mitarbeiterkompetenz und Innovationskultur aufzubauen.

Kreative Gedanken bilden die Grundlage für Innovationen“ sagt Klaus Vogell von der GS1 Germany und zeigt auf, wie ein Unternehmen Innovationserfolge erzielen kann und welche Methoden dabei helfen. Als Senior Manger Innovation & Future Research beschäftigt sich Klaus Vogell schon seit vielen Jahren mit dem Thema.

Was genau ist eine Innovation?

Innovation bedeutet „neu und nützlich“ und ist eine Wette auf die Zukunft! Innovation bedeutet zukunftsfähig zu sein. Um ein relevantes Zukunftsthema/-produkt zu finden, beginnt man mit der grundlegenden Frage: Was wäre ein Ideal, dass wir erreichen wollen oder umgekehrt gedacht: was hält uns davon ab, das Ideal zu erreichen?

Eine Innovation ist nicht nur, das Entwickeln einer Idee, sondern ist auch deren Umsetzung und Einführung. Und ja, es gibt auch Innovationen, die erstmal scheitern. Edison hat bis zu 10.000 Versuche durchgeführt, bis die Glühbirne leuchtete. Die „Google Glass“- Brille – ein großer Hype in den 2010ern – hat sich nicht durchgesetzt. Warum ist diese Innovation gescheitert? Dem Produkt fehlte der praktische Nutzen für die Akzeptanz bei den Anwendern.

Sind Innovationen in heutigen Zeiten ein Muss?

Wir leben in schnelllebigen Zeiten. Die Arbeit an eigenen Innovationen hilft uns dabei, sensibel wahrzunehmen, was um uns herum passiert und kompetent mit Veränderungen umzugehen. Im Wandel liegt eine Chance, Neues zu adaptieren oder zu schaffen. Innovationen können vielseitig sein. Sie können in Form von neuen Prozessen, Produkten oder Dienstleistungen entstehen. Es gibt eine ganze Reihe von Unternehmen, die gewisse technische Entwicklungen nicht haben kommen sehen oder bewusst ignorierten. Nokia und die Touchscreen-Technologie der Smartphones sind hierfür ein Paradebeispiel.

Ist Innovationsmanagement auch etwas für kleinere und mittlere Unternehmen?

Sich mit Themen der Zeit zu beschäftigen, ist unabhängig von der Größe eines Unternehmens oder der Größe einer Gruppe. Innovationen zu entwickeln bedeutet, dass ein bekanntes Terrain verlassen wird und das erfordert auch eine Sensibilität für die Bedürfnisse des Betroffenen. Dies ist oftmals eine Stärke von kleinen oder mittelständischen Unternehmen.  Aus Erfahrung kann ich sagen, dass Innovationsarbeit vom Management mitgetragen werden muss oder sogar initiiert werden sollte, um erfolgreich sein zu können.  Dieser Prozess lebt von Vorreitern, die eine moderierende Rolle haben und die Impulse geben.

Was, wäre wenn…?

Das ist eine offene Art sich an Innovationen heranzutasten. Nämlich, was wäre, wenn wir dieses Ideal erreichen wollen, wenn wir mit folgender Situation konfrontiert wären, etc.? Ein Beispiel aus unseren Workshops ist die Frage: Was wäre, wenn zukünftig ein Flugzeug auch Sitze auf den Tragflächen hätte? Die Antworten können dabei lauten: Platz für mehr Passagiere, mehr Umsatz, mehr frische Luft, großartige Panoramaaussicht, mehr Erlebnis … Aus anfänglich verrückten Ideen entstehen so Ansätze für echte Innovationen – durch Weiterdenken, Anpassen, Konkretisieren.

Auf Antworten zu solch hypothetischen Fragen folgen häufig Reaktionen, wie: Ja, schöne Idee, aber! Gefolgt von einer ganzen Kette von Argumenten, die dagegensprechen und begründen, warum diese Idee nicht umgesetzt werden kann.

„What, if“ oder „Was wäre wenn“ erlaubt dagegen eine offene Denkhaltung und fördert den Aufbau einer Innovationskultur. Ein „ja und“ ist lösungsorientiert, ein „ja, aber“ baut Barrieren und verhindert. Die erstere Herangehensweise wird auf jeden Fall mehr Erfolg bei der Entwicklung und Umsetzung innovativer Ideen haben, während die zweite Verhaltensweise leider oft zu beobachten ist. Die eigene Denkhaltung bewusst zu verändern, ist daher ein wichtiger Schritt zum Aufbau einer lebendigen Innovationskultur.

Wie baue ich ein agiles Mindset in meinem Unternehmen auf?

Ich empfehle, in kleinen Schritten voranzugehen und erstmal ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir heutzutage täglich mit Veränderungen und Herausforderungen konfrontiert sind. Im nächsten Schritt macht es Sinn, die etablierte Herangehensweise an Frage- oder Themenstellungen zu überdenken. Betrachten wir eine Fragestellung aus unserer Unternehmensperspektive oder versetzen wir uns in die Betroffenen, für welche die zukünftige Lösung geschaffen werden soll? Fragen wir uns was möglich ist oder was die betroffenen Kunden brauchen? Fragen wir aktiv die potenziellen Nutzer eines zukünftigen Angebotes/Produktes, welche Bedürfnisse oder Wünsche sie haben, um diese in die Lösung einfließen zu lassen? 

Oftmals ist man in einer internen Gruppe bestehend aus Mitarbeitenden eines Teams oder einer Abteilung im Bewährten oder in alten Mustern gefangen. Um neue Wege zu entdecken, sollte die Gruppe gut durchmischt sein, mit vielen Expertisen und beruflichen Hintergründen. Im Ideal können Vertreter der Zielgruppe einer Innovation eingebunden werden. Die verschiedenen Erfahrungen und Wissenshintergründe helfen dabei, vielseitige Ideen zu entwickeln und breit in verschiedenen Lösungsmöglichkeiten zu denken, anstatt sich auf Bewährtes zu konzentrieren.

Immer neue Ideen, das interessierte nicht Jeden?!

Oft hört man den Satz: Ach, das hatten wir alles schon, das wird sowieso nichts. Hier hilft es nicht enttäuscht zu sein, sondern nachzuhaken. Wie können wir es dieses Mal anders machen, damit es jetzt gelingt? Oder zu fragen, wie würden Sie das denn machen? Aktiv eingebunden werden dadurch Betroffene zu Beteiligten.

Verstehe ich als Mitarbeitende auf der Verkaufsfläche, dass die Idee oder das neue Produkt mich in meine Tätigkeit unterstützt oder Kund:innen begeistert, dann habe ich Unterstützende gewonnen.

Welche Tools und Möglichkeiten gibt es denn?

Es gibt über 500 verschiedene Methoden, drei davon sind:

  1. Das Basismodell von Graham Wallas, sozusagen das Basismodell aller Kreativ- und Innovationsprozesse, dass sich für die Ideenfindung; Lösungen und Möglichkeiten eignet. Das Modell basiert auf vier Phasen: Vorbereitung – die Situation klären, Reife – über die Herausforderung nachdenken, Illumination – Ideen entwickeln und Verifikation – Lösungsansatz konkretisieren und überprüfen.

  2. Der Design Thinking Prozess ist detaillierter und stellt einzelne Phasen in 10 Arbeitspaketen dar. Es handelt sich um ein bedarfsorientiertes Vorgehen vom Verstehen über die Ideeentwicklung bis zum Testen. Vom ersten Begreifen, Analysieren, Beobachten, Zusammenführen geht es weiter in die Ideenfindung, -anreicherung und -bewertung. Im Anschluss werden aus den besten Ideen ein Prototyp entwickelt, bei dem es darum geht, das Neue mit Nutzern und Anwendern zu testen und zu verbessern.

  3. Die 6-3-5 Methode ist ohne große Vorbereitung und Vorwissen durchführbar. In kurzer Zeit entstehen bei 6 Teilnehmenden auf einem Blatt mit drei Spalten und 6 Zeilen in der Gruppe bis zu 108 Ideen. Fragen könnten sein: Wie kann man Kunden noch erreichen, welche zusätzlichen Optionen bietet eine Kundenkarte, etc….

Agiles Mindset

Ein agiles Mindset bedeutet die innere Haltung von Menschen, um auf Veränderungen zu reagieren. Es hilft dabei mit den neuen Situationen konstruktiv umzugehen und zu akzeptieren, dass Veränderungen kontinuierlich stattfinden. Mindset ist eine Art von Mentalität, die langfristig Denk- und Verhaltensmuster ändern kann. Im Rahmen der Führung von Mitarbeitenden spielt es eine Rolle, wie reagiert wer auf verschiedene Einflüsse? Und noch wichtiger, wie erzeuge ich eine positive Reaktion bei den Menschen, die neue Produkte verkaufen oder mit modernen Technologien arbeiten werden.

Wie fange ich denn jetzt an?

Auf jeden Fall mit dem Bewusstsein von „Ja, und!“ anstelle von „Ja, aber!“ Im zweiten Schritt hilft es einen Innovationsanker zu setzen, indem man dem Thema „Innovation“ kontinuierlich Zeit und Raum gibt.

In einem bestimmten Rhythmus trifft sich eine Gruppe von Mitarbeitenden. Ganz bewusst wird das Umfeld erkundet, Trends analysiert, zukünftige Themen recherchiert um abschließend gemeinsam zu bewerten.

Wie kann so ein Innovationstag aussehen?

Als Grundlage für die Gestaltung eines Innovationstages ist eine Themenstellung oder Fragestellung auszuwählen, die an diesem Tag bearbeitet werden soll. Ziel sollte es sein, Wissen zu dem Thema aufzubauen, auf dessen Grundlage Ideen für neue, nutzenbringende Lösungen geschaffen werden können.

Bevor man in den Tag startet, hilft ein Warm Up, das kreative Denken anzuregen.

Zwei Möglichkeiten dafür sind Folgende: Es gibt zwei Teams, die jeweils 2 Minuten Zeit haben kreativ zu werden. Aufgabe: Geplant ist eine Reise von Köln nach Singapur. In der ersten Runde reagieren die Teilnehmenden mit „ja, aber“ auf jede vorgeschlagene Idee. Beispielsweise: Wir nehmen ein Taxi, ja, aber das ist zu klein. Okay, dann fahren wir mit dem Bus. Ja, aber der ist ja viel zu voll. In der zweiten Runde lautet die Frage „ja, und“. Wir nehmen ein Taxi. Ja, und dann? Danach laufen wir gemeinsam zum Hotel. Ja und dann? Dann setzen wir uns an die Hotelbar und trinken einen Café. Es wird schnell deutlich, wie sehr das „ja, aber“ blockiert und das „ja, und“ inspiriert.

Eine andere Möglichkeit ist die Übung mit einer fiktiven Büroklammer. Überlegen Sie einmal in zwei Gruppen, was und wofür so eine Klammer noch genutzt werden kann (SIM-Karte, Reißverschluss Ersatz, Lesezeichen usw.). Die Gruppe mit den meisten alternativen Nutzungsideen hat in diesem Warm Up gewonnen. In der Innovationsarbeit unterscheiden wir konvergierendes und divergierendes Denken. Für den Innovationsprozess ist es wichtig, diese beiden Denkweisen nicht zu vermischen, sondern nacheinander anzugehen.

Gestartet wird mit dem divergierenden Denken. Das ist die breite Suche nach Lösungen, Informationen, etc.; viele Möglichkeiten werden angedacht. Es kann zum Beispiel mit der Methode des Brainstormings oder der 6-3-5-Ideenentwicklung umgesetzt werden.  Wichtig ist: Es wird in dieser Phase nicht diskutiert und nicht bewertet! Im zweiten Schritt übernimmt das konvergierende Denken die Führungsrolle. Aufbauend auf den vorangegangenen Ideenentwicklungen werden alle Ideen wohlwollend bewertet und die Diskussion über deren Konkretisierung beginnt.

Die Ideen, welche aus Sicht der Teilnehmenden das größte Potenzial bieten, können zum Beispiel mittels Collagen, Zeichnungen oder einem Legomodell visualisiert werden und sind somit leichter zu erklären.

Über Klaus Vogell

Klaus Vogell ist ein erfahrener Business-Trainer und Workshop-Moderator. Er ist als Trainer an der renommierten Trainer Akademie München (TAM) ausgebildet und vom Berufsverband für Training, Beratung, Coaching (BDVT) als Business-Trainer zertifiziert. In seinen Rollen als Trainer und Innovationsmanager eignete er sich ein sehr breites Methoden-Knowhow in Didaktik, Analyse, Kreativität und Innovation an, auf dessen Grundlage er mehrere, neuartige Zertifikatslehrgänge der GS1 Germany entwickelte und implementierte. Als ausgewiesener Vordenker, Futurist und Raumgestalter entwarf er die einzigartige Innovations- und Kreativumgebung sowie interaktive Experience Areas im GS1 Germany Knowledge Center.

Herr Vogell verfügt über eine langjährige Berufserfahrung in der Konsumgüterwirtschaft und in international agierenden Handelsunternehmen. Er verantwortet die Trend- und Zukunftsforschung im Innovationsteam der GS1 Germany und entwickelt – basierend auf der Erfahrung seiner mehr als 20-jährigen Tätigkeit in der GS1 Germany – regelmäßig visionäre Szenarien zukünftiger Wertschöpfung.

Klaus Vogell | Senior Manger Innovation & Future Research | GS1 Germany

Klaus Vogell
Senior Manger Innovation & Future Research | GS1 Germany

GS1 Germany

Das GS1 Knowledge Center ist ein Raum, in dem Coaches und Methoden mit Kreativ-Workshops Zukunftshemen hinterfragen. Das sind wesentliche Trends oder technologische Entwicklungen. Ob Design Thinking oder Lean Start Up; hier erfahren Unternehmen und Mitarbeitende, wie neue Ideen dabei helfen auf den Wandel zu reagieren.